Schulzeit - Forties und Fifties

Schule ist Einübung in die zivilisierte Gesellschaft. Einerseits ist sie insofern hilfreich, dass man in der ‘Volksschule’  Schreiben, Lesen, Rechnen lernt - und erst recht hilfreich, wenn man ein  höheres Schul-Niveau zum Abschluss bringen darf (mit Fremdsprachen, Literatur, Mathematik, Geschichte oder irgendwelchen Spezialfächern). Außerdem sollte man geistige und körperliche Ordnung und Disziplin erlernen. Andererseits ist  man den Macken von etlichen Lehrern und auch manchmal von Mitschülern ausgesetzt. Das kann für manchen ziemlich kränkend sein und zu neurotischen Reaktionen führen. Zu der Zeit, als ich in die Gießener ‘Pestalozzischule’ eingeschult wurde (kurz nach dem Krieg, 1947), und auch später in der ‘Schillerschule’ (ab 1950) waren grundsätzlich alle Lehrkräfte - bis auf echt seltene Ausnahmen - mehr oder minder seelisch vermurkste Spießer. Viele schleppten noch die autoritären Relikte der Zeit des 1000-jährigen Reiches mit sich herum, wenn nicht gar die militärischen Ideale dieser glorreichen Zeit, speziell im Turn- und Sportunterricht.

Ich möchte mich im Folgenden nicht ausführllich über meine durchaus interessanten Erfahrungen mit der Schulzeit ausbreiten, sondern lediglich einige Fotos interpretieren. Die meisten dieser Fotos stammen von mir und meiner Baldinette-Kamera, die mir von meiner Mutter 1953 zu Weihnachten geschenkt wurde. Meine Kamera-Zeit beginnt also 1954 im Alter von 12. Das waren  damals (aus Kostengründen?) alles Schwarz-Weiß-Fotos, von denen ich etliche in letzter Zeit (2024-26) KI-mäßig koloriert habe. Das macht die Bilder in der Tat plastischer und deutlicher. Es ist halt eine wichtige Wahrnehmungsdimension mehr - ganz abgesehen von der malerischen Ästhetik, die dabei ebenfalls zum Vorschein kommen kann

Hier ein allererstes Foto von mir in der Pestalozzischule,  1948-49  also mit 7-8. Es ist ein offizielles, gestelltes Foto, das von jedem Schüler auf diese Weise angefertigt wurde.

 

Manfred Pestalozzi-Schule 1948 oder 1949 - H600-Colorized-Enhanced, Inpaint-560

Man beachte die damaligen Holzbänke für den Frontal-Unterricht. (Mit Löchern für Tintenfässer, damit man den Federhalter dort eintauchen konnte.) Außerdem beachte man die Nachkriegshose (selbstgeschneidert) und den Nachkriegspullover (selbst gestrickt) - was anderes gab es für das normale Volk nicht - und das war schon viel.

Eine Postkarte von der Pestalozzi-Schule von vorm Kriech:

Pestalozzischule+Skagerrak-Anlage - vorm Kriech-Postkarte, Gimp-560

Die Skagerak-Anlage erinnert an ein Marine-Kriegsereignis vom 1. Weltkrieg. Entsprechend fanden an dieser Anlage militaristische Treffen statt. - Diese Anlage hat insofern auch zum Nachkriegs- Zustand der Pestalozzi-Schule ihren eigenen Teil beigetragen. - Nachem Kriech wurde die Anlage zum Froschteich mit fröhlichem Quaken im Konzert mit den Fröschen vom Schwanenteich. Musste dann natürlich abgestellt werden und der Skagerak-Bottich wurde zugeschüttet.

Die Pestalozzischule wurde 1929 neu gebaut (als großes Kakau-Gebäude), und so hat sie nach 45 ausgesehen (siehe auch oben den rechten Teil der Schule):

Pestalozzi-Schule nachem Kriech-Colorized-Enhanced, Struktur hell, Inpaint-560

Die Trümmer-Schule wurde notdürftig wieder hergerichtet (der linke Teil war noch ziemlich intakt) und sie hatte (bei aller Quälerei, die ich das Privileg hatte, dort erfahren zu dürfen) einen wirklich großen Vorteil: Es gab zu meiner Zeit amerikanische Schulspeisung! Morgends Kakau und ein Brötchen und Mittags eine fantastische Nudelsuppe mit ordentlicher Fleisch-Einlage. Man konnte sich auch noch einiges davon als Nachschlag mit nach Hause nehmen.

1950 wurden wir aus unserer Kugelbergwohnung (wg. Schwarzmarktgeschäften mit Amis) von der Stadt (als Eigentümerin) rausgeschmissen und wir tauschten mit der Familie von Mutti’s Schwester die Wohnungen. Diese wohnte in der Innenstadt im ‘Teufelslustgärtchen’ und sie waren offenbar heilfroh in eine ‘solide’ Wohngegend ziehen zu dürfen. Wir selber hatten andererseits mit dieser Teufelslustgärtchen-Wohnung das Große Los gezogen! (Siehe mein Bericht über das Alte Haus von Rocky Tocky).

Allerdings war unsere Wohngegend nicht mehr der Pestalozzischule zugeordnet, sondern genau an der Grenze zu zwei anderen Volksschulen: Der ‘Goetheschule’ und der ‘Schillerschule’. Rektor Ulmer von der Pesta entließ mich aus seiner Audienz im Allerheiligsten mit der schlechtest möglichen Betragensnote: eine Vier! und wünschte mir somit alles Schlechte. Ich hatte ein neurotisches Zuspätkomm-Symptom entwickelt - nach einem bestimmten Ungerechtigkeitsereignis - und das beleidigte die Lehrer (und die eine kath. Religionslehrerin, die mich abgründig hasste) zutiefst. Man dankte mir dies mit dieser 4 zum Abschied. - Meine Mutter ging also mit mir zuerst zur Goethe-Schule, und ohne lange zu fackeln wurde ich wegen meiner 4  der Hilfsschulklasse zugeteilt, wo wohl alle Rabauken und Nichtsnutze der Gummi-Insel gelandet waren. Doch der Hilfsschul-Klassenlehrer Okorn  war vorher an der Pesta einige Zeit schon dort mein Klassenlehrer, und erkannte messerscharf, dass nicht sein kann, was nicht sein darf, nämlich dass ich in seine Hilfsschulklasse käme. (Hilfsschule war offiziell was für Dummköpfe, schwachsinnige oder auch vornehm: schwachbefähigte Kinder. Die Gummiinsulaner mögen zwar Assis gewesen sein, aber als blöd würde ich sie nicht ansehen, deshalb landeten in dem Topf der Schwachsinnigen (ich denke: vor allem) auch Kinder mit schlechtem Betragen. Und darunter verstehe ich persönlich noch lange nicht ein hilfloses neurotisches Verhalten des ständigen Zuspätkommens).

Also in die erlauchte Goethe-Schule (wo sie 1942 die Gießener Juden zum Abtransport in die Konzentrationslager sammelten), wurde ich nicht normal aufgenommen. - Jetzt blieb meiner Mutter an diesem Tag nur noch die Schillerschule. Dort kam sie weinend aus dem Rektorenzimmer und ich musste mit dem Gesicht zur Wand stundenlang draußen im dunklen Flur  stehen; diverse Lehrer und Lehrerinnen begutachteten mich dort, um mich sowieso selbstverständlich abzulehnen! Doch dann kam Lehrer Lich, der Lumpensammler der Schule, und mit wirklich freundlichen Worten nahm er mich in seine 65-Schüler Buben-Klasse auf.

 

Hier nun ein Bild dieser Schillerschul-Nachkriegs-Klasse schätzungsweise 1951-52:

 

Schulklasse Lehrer Lich - 1950-51-2-Color-Restored-Enhanced, Gimp, Struktur hell, 560

Nach meiner Zählung sind es hier 59 Buben - aber es fehlten sowieso immer einige, meistens sogar etliche. Ein Exot kam immer nur einmal im Jahr - ansonsten gehörte er zu einer reisenden Schaustellertruppe.

Lehrer Lich hatte ein Faible für Landkartenbilder, die er mit bunter Kreide anf der langen Seitentafel des Klassenzimmers malte. Ich erinnere mich noch an die Salzböde, die sich ganz oben im Bild von links  blau in die breitere blaue Lahn rechts schlängelte - und weiter unten war dann Gießen, wo die Lahn einen eleganten Bogen nach Wetzlar macht. Hinten an der Tafel sind eingerahmt 2 solcher Zeichnungen von ihm.

Lich schaut auf dem Bild ziemlich ernst drein. Ich gehe davon aus, dass es an diesem Rektor (seinem Chef) lag, der ja ebenfalls auf dem Foto ist.

Ein Foto, wo er ganz anders drauf ist, ist vom Gießener Forstgarten, ein Ausflugslokal das unterhalb des Schiffenbergs war. Leider war ich da nicht mit dabei, warum weiß ich auch nicht.

 

Lehrer Lich ca - 1951-Color-Restored-Enhanced-Repaired, Gimp, inpaint, struktur-hell, 560

 

Lehrer Lich ist in meinen Augen en echter Pädagoge gewesen, der seine Tätigkeit wirklich ernst nahm. Für mich war er jedenfalls sehr segensreich. Ich selber, und auch meine Mutter, wäre nie darauf gekommen, mehr als die ‘Volksschule’ zu absolvieren. Doch er förderte es explizit, dass ich in die neu gegründete ‘Aufbauschule’ kam, den Mittelschulzweig der Schillerschule. Also ein Zwischending zwischen Volksschule und Gymnasium. Und überhaupt hatte er ein sehr wohlwollendes Auge auf mich geworfen. Er gehört zu den drei wirklich großartigen Lehrern, denen ich viel zu verdanken habe - und von denen ich vor allem auch existentielle Anerkennung erfahren habe.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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